paleo r]evolutionär denken

Warum wir nie zufrieden sind

Mehr ist nicht weniger, aber weniger ist manchmal mehr

Höher, schneller, weiter! Warum wollen wir eigentlich immer mehr – mehr Kohle auf dem Konto, mehr Süßes im Kühlschrank, dickere Autos vor der Tür, ein größeres Haus als der Nachbar oder schneller laufen als je ein Mensch zuvor. Was steckt hinter diesem Drive nach immer mehr? Sind wir denn wirklich nie zufrieden? Tatsächlich ist dieses Mehr Teil unserer Entwicklungsgeschichte. In den vergangenen fünf Millionen Jahren (mit Ausnahme der letzten 70), seit sich Homo von den Affen abspaltete, bestimmte die Nahrungskarenz unser tägliches (Über-)Leben. Vor allem unser Gehirn musste perfekt an diesen Mangel angepasst sein, denn unsere grauen Zellen (Neurone) überstehen keine Millisekunde ohne Energie. Obwohl unser Denkorgan 25% des gesamten Sauerstoffbedarfs und 20% der verfügbaren Glukose verbraucht, gerät es trotzdem nie in eine Energiekrise. In Fastenzeiten weicht unser Gehirn auf Ketonkörper aus dem Bauchfett oder Laktat aus der Muskulatur aus.

„Die Globalisierung machts möglich. Sommer ist heute das ganze Jahr über – Smoothies im Dezember, Kiwis im Januar und Bananen im Februar."

Somit grenzt es an ein Märchen der Lebensmittelindustrie und der Deutsche Gesellschaft für Ernährung, dass wir 50% unseres Kalorienbedarfs über Kohlenhydrate in Form von Getreide, Reis, Kartoffeln etc. decken müssen. Müssen tun wir gar nichts. Denn fehlt Zucker in unserer Nahrung, kurbelt unsere Leber einfach die Eigenproduktion (die sogenannte Glukoneogenese) an. Zucker ist kein essentieller Nährstoff. Wir kommen wunderbar ohne Kohlenhydrate aus. Die Inuit in Grönland beispielsweise nehmen 90% ihrer Nahrung in Form von Fleisch und Fisch auf. Woher soll im Packeis auch der Honig kommen? Von jeher war unsere Ernährung von den jeweiligen Umweltbedingungen abhängig. Deshalb gibt es nicht die eine heilsbringende Ernährung. Genauso wenig wie es die eine Paleo-Ernährung gibt. Denn um das (Über-)Leben zu sichern, mussten unsere Vorfahren metabolisch sehr flexibel sein. Deshalb kann man unser Ernährungsverhalten nicht unabhängig von Bewegung, Stressfaktoren, Jahreszeit, Erziehung und Sozialverhalten betrachten.

Hüftgold oder wie man Rettungsringe für strenge winter anlegt

Warum ist nun dieses Mehr so tief in uns verwurzelt? Wenn man überlegt, dass sich Homo 99% seiner Existenz im ständigen Wechsel zwischen Buchinger-Diät (Mangelernährung) und Binge-Eating (Überernährung) befand, erscheint es evolutionär gesehen nur allzu logisch, dass wir in Zeiten von Nahrungsreichtum soviel Energie wie möglich auftanken, um dem kargen Winter zu trotzen. Von Juli bis Oktober, wenn die meisten Freilandobst- und Gemüsesorten reif sind, bot sich dem mitteleuropäischen Steinzeitmenschen die einmalige Gelegenheit, große Mengen an Fruchtzucker (Fruktose) aufzunehmen, um sich auf diese Weise einen energiereichen Rettungsring anzufuttern. Deshalb wird Fruchtzucker (Fruktose) umgehend von der Leber in Fett umgewandelt. Und dieses sogenannte ektope Fett siedelt sich dann gerne oberhalb der Hüften und um die Organe herum an, im Fachjargon viszerales Fett genannt. Betrachtet man diesen Umstand durch die moderne Stoffwechselbrille, so findet der karge Winter leider heute nicht mehr statt. Aus diesem Grund werden wir unser Hüftgold einfach nicht mehr los. Juli ist heute praktisch das ganze Jahr über – Smoothies im Dezember, Kiwis im Januar und Bananen im Februar. Irgendwo auf der Welt ist immer Sommer und wenn nicht, helfen Gewächshäuser einfach nach. Die Globalisierung machts möglich!

der bumerang der wohlstandsverwahrlosung kommt zurück

Die älteren Semester, die sich noch an die Zeit erinnern können, wo der Kühlschrank nicht immer randvoll war, gehören zur letzten langsam aussterbenden Generation, die noch halbwegs an die Natur angepasst war. Heute passen wir die Natur immer stärker an uns an. Auf diese Weise entstand in wenigen Jahrzehnten ein Schlaraffenland, wo sprichwörtlich Milch, Honig und Wein aus Sturzbächen fließt. Allerdings wird diese Prasserei langsam zum Bumerang für die Menschheit. Denn nicht nur ein Zuviel an Nahrungsenergie macht fett, antriebslos und chronisch krank, auch die tägliche mediale Reizüberflutung, die Terminhatz, das extreme materielle Anspruchsdenken und der schon Vorschulkindern eingeimpfte Perfektionismuswahn überehrgeiziger Eltern, die stellvertretend ihre eigenen Verfehlungen leben, lässt unseren Geist zunehmend an die Grenzen seiner Toleranz kommen: Burnout, Depressionen, ADHS und Co sind überall dort auf der Überholspur, wo der westliche Lifestyle Einzug hält. Ist das noch normal?

jeder jeck is anders oder tickst du eigentlich noch ganz Richtig?

Obwohl wir ein höheres Pro-Kopf-Einkommen haben und weniger Einkommenssteuer zahlen, sind wir Deutschen offenbar weniger glücklich als unsere Nachbarn in Dänemark. Die Lebenszufriedenheit hängt somit nicht 1:1 vom Gehalt oder Vermögen ab. Die moderne Glücksforschung fand heraus, dass unsere Zufriedenheitskurve schon ab etwa 3500 Euro netto im Monat gesättigt ist. Mehr Kohle, mehr Häuser oder mehr Autos bedeuten dann nicht automatisch mehr Glücksempfinden. Also muss es noch andere Gründe geben, warum Menschen mit sich und der Welt im Reinen sind oder eben nicht. Viele namhafte Psychologen haben sich an der menschlichen Psyche abgearbeitet, um zu begreifen, wie der Mensch wirklich tickt. "Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution", postulierte einst der Evolutionsbiologe Theodosius Dobzhansky. Demnach ist auch unser modernes Verhalten eine Errungenschaft der Evolution. Zum Beispiel bewegen wir uns, wenn etwas fehlt oder wir einen Mangel wahrnehmen, der für unsere körperliche Integrität und/oder für unsere Persönlichkeit gleichermaßen wichtig ist. Das kann ein Mangel an Nahrung oder Wasser sein, aber eben auch Sex-, Spiel-, Entdeckungs- oder Herausforderungsmangel.

„Die Überdosis an mentalem Stress scheint unsere bewegungsverarmte Gesellschaft immer stärker zu überfordern."

Während Energie- und Mineralmangel bei allen Lebewesen universelle Motivationen darstellen, ist der Spieltrieb, die Entdeckungsneugier oder die Freude an Bewegung (ohne sich zwigend messen zu müssen), nicht bei allen Menschen gleichermaßen ausgeprägt. Alle inneren Antreiber erfordern geistige oder muskuläre Bewegung (oder beides), um die inneren Triebe zu befriedigen. Da wir vielen dieser Stimulantien heute ganz ohne Muskelkraft entsprechen können, bleibt unterm Strich bei vielen nur die geistige Bewegung. Die Dosis macht bekanntlich das Gift, wusste schon Hippokrates. Und die Dosis an mentalen Reizen scheint unsere bewegungsverarmte Gesellschaft immer stärker zu überfordern. Deshalb steigen die psychischen Erkrankungen in den Industriestaaten sprunghaft an. Stellt sich die Frage: Ist ein Zuviel an geistiger Überforderung die Ursache oder ein Zuwenig an Bewegung? Wir von Paleo Leben sind der Ansicht: psychische Erkrankungen haben keine Chance, wenn wir uns so bewegen wie wir uns immer bewegt haben, als wir noch Nahrung suchen mussten – vorzugsweise morgens, in der Hauptsache ausdauernd und vor allem draussen. Deshalb: Starte am besten noch heute mit diesem simplen wie gleichermaßen r)evolutionären Prinzip!

lebe deine eigenen motivationen, nicht die der anderen!

Wissenschaftlich zwar etwas dürftig abgesichert, dafür aber lebensecht, ist die sogenannte Maslowsche Bedürfnispyramide. Abraham Maslow, der Begründer der humanistischen Psychologie, sezierte die menschlichen Psyche in einzelne Hierarchiestufen und postulierte aus seinem Modell, dass die elementaren Grundbedürfnisse des Menschen wie Hunger, Durst, Schlaf, Ruhe, Bewegung und Sex alles andere dominieren, wenn sie akut werden. Erst wenn dieser biologischer Durst gestillt ist, können wir uns interlektuellen, sozialen und kulturellen Dingen des modernen Lebens wie wirtschaftliche Absicherung, Anerkennung in der Gruppe, Status, berufliche Kompetenz, Persönlichkeitsentfaltung, Kreativität oder eben den Sinn des Lebens widmen. Im Laufe der Hominisation, unserer körperlich und geistigen Entwicklung vom Affen über die ersten Hominiden zum heutigen Menschen, wurde unsere Großhirnrinde (Neocortex) immer größer.

„Ist der Hunger gestillt, wird auch ein Krokodil zur possierlichen Hauskatze."

Deshalb haben die höherrangigen mentalen Bedürfnisse des Menschen nach Leistung, Lernen, Selbstverwirklichung etc. immer stärker an Bedeutung gewonnen. Unser Neokortex, der knapp die Hälfte unseres Hirnvolumens ausmacht, existiert nur bei Säugetieren. Wolfgang Kieling, populärer Tierfilmer und Krokodilflüsterer konnte diese Tatsache eindrucksvoll vor laufender Kamera belegen: Unter bestimmten Bedingungen kann man sich nämlich einem Salzwasserkrokodill bis auf wenige Millimeter nähern, ohne gleich verspeist zu werden. Das Gehirn eines Krokodils ist nicht größer als eine Nussschale. Das reicht gerade für die Steuerung elementarer Grundbedürfnisse. Kieling lag tagelang an der Böschung, um das Reptil zu beobachten. Erst als ein Gaumenschmaus den rebellierenden Magen des Reptils beruhigte, näherte er sich dem archaischen Jäger. Denn ist der Hunger gestillt, wird auch ein Krokodil (zumindest kurzfristig) zur possierlichen Hauskatze.

back to the roots oder wie wir körper, seele und geist in schuss halten

Für unsere Motivbefriedigung auf physiologischer Ebene haben wir in den letzten Jahrzehnten perfekte Lösungen erfunden, die uns wertvolle Zeit für Überstunden oder der Suche nach dem Sinn des Lebens freischaufeln: Nahrungsmitel und Wasser sind rund um die Uhr immer und überall verfügbar. Mit wenigen Mausklicks fliegt Pizza Tonno ins Wohnzimmer. Büroschubladen quellen mit hochglykämischen Süßigkeiten über. Drive-Ins stehen auf dem Nach-Hause-Weg Spalier. Die boomende To Go-Branche eröffnet an jeder Haltestelle einen Coffee-Shop, wo wir „frisch" aufgebackene Weißmehlprodukte im Vorbeigehen ordern, um in Bus oder Bahn Zeit fürs facebooken zu gewinnen.

„Wenn wir Kohldampf oder Lust auf Sex haben,
spielt Selbstverwirklichung keine Rolle."

Wie gesagt: Immer dann, wenn unsere Grundbedürfnisse unbefriedigt bleiben, sucht unser Gehirn umgehend nach Belohnung. Wenn wir Kohldampf oder Lust auf Sex haben, spielen intellektuelle Auseinandersetzungen im Moment keine Rolle. In diesem Fall müssen wir zuerst einen Auerochsen erlegen oder für die Arterhaltung sorgen, bevor wir uns wieder zeitgenössischer Kunst oder Belletristik widmen können. Da wir heute durch verpackte Nahrungsmittel, Leitungswasser, Sex per Mausklick unsere biologischen Triebe schnell und ohne Muskelkraft besänftigen können, sparen wir wertvolle Zeit für die Suche nach dem Glück oder für das Ausleben kreativer Ergüsse. Allerdings: Dieser Suchprozess nimmt heutzutage so viel Raum und Zeit ein, dass unser Gehirn allmählich Amok läuft – Burnout, Depressionen und andere psychosomatische Leiden sind die Folge. Wir können das moderne Lebensrad zwar nicht zurückdrehen, aber jederzeit unser Verhalten ändern: r)evolutionär denken steht deshalb für die Rückbesinnung auf unsere grundlegenden Motive. r)evolutionär denken ist ein Ansatz, der dem Mainstream widerspricht, der aus der Art schlägt, sich an unseren Ursprüngen orientiert und das natürliche Leben wieder stärker in den Fokus rückt. Keine Frage: Smartphones erleichtern uns die Kommunikation, sind aber kein Ersatz für livehaftige Dates mit Freunden, Familie oder Geschäftspartnern. Einkaufszentren bieten eine unüberschaubare Fülle von Fertigprodukten, sind aber kein Ersatz für die Zubereitung und das Kochen biologisch hochwertiger Nahrungsmittel. Playstation und Co. befriedigen unseren Spieltrieb, sind aber kein Ersatz für Bewegung an der frischen Luft. Wenn wir Körper, Geist und Seele in Schuss halten wollen, müssen wir unseren biologischen Bedürfnissen wieder ein Chance geben: Raus in die Natur, rein in die Bewegung!


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