paleo Medizin

Warum wir uns selbst zerstören

Über das Ammenmärchen von der gesunden Pflanzennahrung

von jens freese

Was haben Nahrungsmittel, Luftqualität, Sozialkontakte, körperlicher und seelischer Stress gemeinsam? Genau, alle kommen nicht an unserer eng gestaffelten Viererkette vorbei, die wir in der Naturwissenschaft Immunsystem nennen. Unsere hochentwickelte Abwehr funktioniert ähnlich wie eine Firewall auf Deinem Computer, die pausenlos Dein biologisches Betriebssystem vor Viren, Trojanern und externen Hackerangriffen schützt, ohne das Du es merkst. Erst wenn ein Virus oder ein Bakterium eine offene Tür in Dein Inneres findet, verstehst Du was Immunität bedeutet. Erkennung und Abwehr von Fremdstoffen, Mikroorganismen, Parasiten und Viren ist allerdings nur ein Teil des Jobs, den unser Immunsystem 24 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr und wenn möglich, 100 Jahre lang leisten muss – eine unglaubliche Leistung! Was viele nicht wissen: Auch jede Mahlzeit ist ein Großangriff auf unser Immunsystem. Umso häufiger wir essen, desto mehr postprandiale, inflammatorische Reaktionen finden im Darm statt. Naturvölker essen seltener, deshalb sind ihre Entzündungsmarker auch weitaus niedriger. 

„Vegetarier und Veganer glauben, Pflanzen seien per se gesünder als tierische Nahrungsquellen. Dabei ist die Phalanx an Giftstoffen in der Pflanzenwelt viel größer."

In der Zeit vor Wikipedia und Pflanzenbestimmungsbüchern musste der Mensch Mechanismen entwickeln, die ihn vor Toxinen in Pflanzen, Tieren, Wasser und in der Luft schützen. Diese Mechanismen liegen im gesamten Verdauungstrakt von der Mundhöhle beginnend, wo wir giftige Inhaltsstoffe über unsere Geschmacksknospen aufspüren, über den rebellierenden Magen, der seine Säureproduktion ankurbelt, um körperfremde Substanzen zu desinfizieren, bis hin zum Darm, der notfalls auf Durchfall schaltet, sollten Giftstoffe unsere Blutbahn erreichen wollen. Vegetarier und Veganer glauben, Pflanzen seien per se gesünder als tierische Nahrungsquellen. Dabei ist die Phalanx an Giftstoffen in der Pflanzenwelt viel größer. Denn auch Pflanzen müssen sich gegenüber Fressfeinden schützen, um nicht auszusterben. Pflanzen sind immobil, d.h sie haben andere Wege gefunden, für ihre Arterhaltung zu sorgen. Das regeln sie z.B. über Antinährstoffe in Samen und Früchten. Wenn Insekten oder Vögel diese Samen fressen, werden sie unverdaut an anderer Stelle wieder ausgeschieden. Fallen sie auf fruchtbarem Boden, können neue Geschwister entstehen. Die Blätter von Tabakpflanzen beispielsweise werden gerne von bestimmten Insekten angeknabbert, bis die Pflanze sich wehrt. Dann versprüht sie Stresssubstanzen in die nähere Umwelt. Die wiederum locken eine bestimmte Vogelart an, die diese Insekten dann genüsslich verspeisen. Soll noch einer sagen, Pflanzen wären blöd. Sie haben zwar kein Gehirn, aber ein Immunsystem. Und was sie gar nicht wollen: vom Menschen gefressen werden. Weder Tiere noch Pflanzen wollen das. Die meisten Antinährstoffe sind für uns vollkommen harmlos, aber einige haben es eben in sich. Deshalb vermeiden wir sie in der Paleo Ernährung.

UNSER IMMUNSYSTEM: wer den feind umarmt, macht ihn bewegungsunfähig

Auch harte Trainingseinheiten oder Wettkämpfe müssen mit Hilfe des Immunsystem regeneriert werden. Das gleiche gilt für Psychostress. In der Steinzeit hatte die akute Stressreaktion den Überlebensvorteil, dass wir der Gefahr schnell aus dem Weg sprinten konnten. Heute lauert die Gefahr subtiler, wenn der Chef uns im Nacken sitzt, wir mit einer Aufgabe überfordert sind, Arbeitslosigkeit oder Pleite droht oder wir glauben, in einen 24-Stunden-Tag könne man immer mehr hineinpacken. Es wäre schlecht, wenn wir im Überlebenskampf eine Grippe kurieren müssten. Deshalb hat die Evolution im Laufe der Jahrtausende ein Prioritätensystem entwickelt. Kampf bedeutet angespannte Muskulatur, Kampf heißt hoher Blutdruck, Kampf verschiebt aber auch Zucker und Fettsäuren Richtung Bewegungsapparat und Muskulatur, denn jagen und kämpfen kostet Energie.

„Unser Immunsystem muss zwischen Freund und Feind unterscheiden. Diese Selbsttoleranz kann verloren gehen."

Auch unser Immunsystem braucht Energie, wenn es etwas zu reparieren gibt. Jetzt verstehst Du vielleicht, warum man monatelang mit voller Kraft ein Projekt stemmt und direkt am ersten Urlaubstag plötzlich krank wird. Endlich steht Deinem Immunsystem genug Energie zur Verfügung, die es für die Regeneration braucht – nur leider mit dem Nachteil von Mattigkeit, Antriebslosigkeit, schweren Beinen, vielleicht ein wenig Schüttelfrost, Kratzen im Hals und fehlendem Appetit. Eine wichtige Rolle spielen dabei die sogenannten T-Lymphozyten, die für ihre künftige Aufgabe im Organismus erst geschult werden müssen, damit sie nicht fälschlicherweise körpereigene Strukturen angreifen. Dieser natürliche Schutzmechanismus muss zwischen Freund und Feind unterscheiden können oder besser gesagt: zwischen körpereigenen und -fremden Eiweißmolekülen. Immunologen nennen das Selbsttoleranz. Und die kann uns abhanden kommen. In dem Fall spricht man von einer Autoimmunerkrankung. Das Spektrum ist groß. Praktisch jedes körpereigene Gewebe kann zur Zielscheibe unseres eigenen Abwehrsystems werden.

moderne jäger und Sammler – oder warum wir uns selbst abbauen

In Deutschland sind etwa 4-5% Prozent der Menschen von einer Autoimmunerkrankung betroffen – Tendenz steigend. Bekannt sind derzeit 60-65 unterschiedliche Formen. Am bekanntesten sind Typ-1-Diabetes, rheumatoide Arthritis, Multiple Sklerose, Hashimoto thyreoditis, Lupus erythematodes und Morbus Crohn, der in den 20er Jahren noch nahezu unbekannt war. Mit Genetik kann das somit wenig zu tun haben. Warum sollte sich Mutter Natur auch ausgedacht haben, das eigene Gewebe anzugreifen? Die Evolution versucht uns doch besser an unsere Umwelt anzupassen, statt Muskeln lahm zu legen (MS), Nahrung zu verweigern (Morbus Crohn) oder Gelenke zu entzünden (Rheuma). Beamen Sie sich einmal gedanklich 15.000 Jahre zurück. Auf die Jagd gehen mit Hüftarthrose? Flüchten mit sklerotischen Nervenfasern? Sammeln mit Gelenkrheuma? Wie passt das zusammen? Kritiker des Paleo Lifestyles werden jetzt einflechten, dass unsere steinzeitlichen Vorfahren höchstens 40 Jahre alt wurden. Das stimmt wahrscheinlich auch. Aber es waren Kindersterblichkeit, Infektionen und Kampfdelikte, die unsere Vorfahren dahinrafften. Inzwischen haben wir diese Todesursachen nahezu auf fast Null gebracht und Autoimmunerkankungen geerntet.

„In dem Maße wie die Infektionen seit den 50er Jahren zurückgingen, sind die Autoimmunerkrankungen gestiegen."

Was kann dann der Grund für dieses Phänomen sein? Die einen sagen, eine genetische Empfänglichkeit müsse mit gewissen äußeren Einflussfaktoren wie chronischem Stress zusammenkommen. Andere wiederum behaupten, verbesserte Hygienebedingungen seit dem 19. Jahrhundert hätten die regulatorischen Mechansimen des Immunsystems verschlechtert oder mit anderen Worten: die moderne, urbanisierte Welt hätte unsere alten Freunde (Viren, Bakterien, Parasiten) verdrängt, an die wir seit jeher evolutionär angepasst sind. Dafür spricht, dass sich in dem Maße wie Infektionserkrankungen seit den 50er-Jahren zurückgingen, die Autoimmunerkrankungen invers angestiegen sind. Zwar hat sich die ursprüngliche Aufgabe unseres Immunsystems durch die Ausrottung von Pest, Cholera, Tuberkulose und Co verändert, aber starke Lifestyle-Veränderungen des modernen Lebens sind hinzugekommen, die eine neue Gefahr für unser archaisches Immunsystem darstellen. Dazu gehören Bewegungsmangel, Sonnenmangel (Vitamin D), synthetische Umweltgifte, eine veränderte Darmflora, verarbeitete Nahrungsmittel, Omega-3-Mangel, künstliche Zusatzstoffe, zu später Kontakt mit Viren (Kinderkrankheiten), Übergewicht, Insulinresistenz und molekulare Mimikry. Unter molekulare Mimikry versteht man übrigens, dass bestimmte Erreger aus der Umwelt oder Nahrungsinhaltsstoffe eine hohe Ähnlichkeit mit der Struktur eines körpereigenen Gewebes haben. Viele Erreger versuchen unser Immunsystem durch ihre Oberfläche zu täuschen, damit sie ungehindert in unseren Körper gelangen können. Autoimmunität läßt sich somit als Ergebnis eines Zusammenbruchs der Immuntoleranz gegenüber körpereigenen Stoffen und/oder eines defekten Kontroll- und Regulationsmechanismus des Immunsystems auffassen.

die zwei gesichter moderner lebensmittel

Nahrungsmittel spielen keine unwesentliche Rolle, wenn man das Beispiel Typ 1 Diabetes einmal näher unter die Lupe nimmt: In den asiatischen Ländern tritt Diabetes Typ 1 praktisch (bislang) nicht auf. In diesen Ländern wird durch den genetisch bedingten Lactasemangel (das Enzym, was den Milchzucker in unserem Darm spaltet) traditionell keine Milch getrunken. Dort, wo viel Milch getrunken wird, tritt Diabetes Typ 1 häufiger auf – allerdings nur dort, wo man Milch mit einer bestimmten Caseinvariante trinkt. Länder, die eine sogenannten A2-Milch produzieren, sind praktisch frei von Typ 1-Diabetes. Aus diesem Grund hat man in Neuseeland und Australien begonnen, die Herden nach und nach auf A2-Casein produzierende Kühe umzustellen. Und in China importiert man gerade ostfriesische Milchkühe und baut riesige Molkereien auf, damit die armen Chinesen bald unter einer flächendeckenden Laktoseintoleranz leiden. Die kommt dann plötzlich wie Phönix aus der Asche. Aber Milch ist nur ein Beispiel. Aus diesem Grund vermeiden wir in der Paleo Ernährung neben Milch- und Getreideprodukten auch Hülsenfrüchte, Nachtschattengewächse und Kartoffeln. Die darin enthaltenen Antinährstoffe durchlöchern unsere Darmwand. Dadurch können giftige Substanzen ungefiltert auf unser Immunsystem treffen und im ungünstigsten Fall in die Blutbahn gelangen. Sowohl im Darm wie auch in der Blutbahn rufen sie dann unser Immunsystem auf den Plan, das alle Hebel in Bewegung setzt, diese Fremdkörper wieder loszuwerden. Wir spüren das dann als Symptom (so kann z.B. Gluten in der Blutbahn depressive Episoden auslösen), das der Hausarzt nicht deuten kann und prophylaktisch ein Antibiotikum verschreibt. Dadurch geht die Darmgesundheit leider noch weiter in den Keller und die Tür zum Inneren reißt immer weiter auf, um Pathogenen freies Geleit zu gewähren. Dann sind Deine Körperbarrieren kaputt.

„Frauen erkanken 3-mal häufiger an einer Autoimmunerkrankung als Männer. Männer bekommen dafür mehr Herzerkrankungen. So gleicht sich alles im Leben aus."

Die Pharmaindustrie ist wieder einmal der große Gewinner dieser Geschichte. Der Umsatz von Multiple Sklerose-Medikamenten stieg von 2002 bis 2007 um satte 240%. Warum sollte die Pillenindustrie daran interessiert sein, die tatsächlichen Ursachen einer Multiplen Sklerose zu heilen? Verdient wird am chronischen Patienten. Und die Ernährung: Naja, auch die hat ein wenig Einfluss auf unsere Gesundheit, so die Chemieexperten. Von wegen: Entzündungsfördernde Nahrungsmittel sind ein wesentlicher, wenn nicht der Haupteinflussfaktor für die Entwicklung von Autoimmunerkrankungen. Allerdings gibt es ein auffälliges Nord-Süd-Gefälle. In Nordamerika ist die Inzidenz von Autoimmunerkrankungen hoch, in Asien niedrig. Ein ähnliches Bild in Europa: In Schweden, Finnland, Island, Dänemark treten am meisten MS-Erkrankungen auf, in Malta, Griechenland, Spanien die wenigsten. Durch diese epidemiologischen Analysen zieht der geübte Betrachter die Erkenntnis, dass ein niedriger Vitamin D-Spiegel zu dieser Erkankung beitragen könnte. Und zu guter Letzt ist auch entscheidend, welches Geschlecht Du hast, denn Frauen erkanken im Schnitt 3-mal so häufig wie Männer. Männer bekommen dafür mehr Herzerkrankungen. So gleicht sich im Leben eben alles wieder aus.

Unsere zertifizierten Paleo Coachs wurden von uns gezielt auf die Prävention von Autoimmunerkrankungen geschult. Paleo Coachs unterstützen Dich professionell bei der Umstellung auf den Paleo Lifestyle und erstellen Dir einen r)evolutionären Ernährungs- und Trainingsplan, der zu Deinen genetischen Wurzeln passt!

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