paleo Medizin

Egoismus pur oder warum unser Gehirn nur an sich selbst denkt

Sedantary Lifestyle – eine verfettete Gesellschaft ohne Muskeln

von jens freese

2.5 Millionen Jahre evolutionärer Anpassung an ein jahreszeitlich bedingtes Nahrungsangebot, längere Fastenzeiten in Kälte- oder Dürreperioden im Wechsel mit zeitweiligem Überangebot (wenn Früchte reif waren oder Wildtiere genug Fett angesetzt hatten) liegen hinter uns. Wenn wir 5-mal täglich Obst und Gemüse essen müssten, wie es die Deutsche Gesellschaft für Ernährung dem Volk empfiehlt, hätten wir strenge Winter oder karge Sommer wohl kaum überlebt. Homo sapiens, der weise Mensch, wäre längst ausgestorben. Genau das Gegenteil ist aber passiert. Wir sind zum alles dominierenden Lebewesen auf der Erde geworden. Im Laufe der Menschwerdung haben wir eines der größten Gehirne im Verhältnis zum Körpergewicht unter allen Lebewesen der Erde entwickelt.

„Der Mensch ist nicht von Müsli, Pasta und Brot abhängig. Er kann Kohlenhydrate selber herstellen. Wie hätten wir sonst ohne Tiefkühlpizza überleben können?"

Ein großes Gehirn ist allerdings metabolisch teuer. Und die Währung heißt Energie. Zwar verbraucht es nur 2% des gesamten Sauerstoffs, aber mehr als 20% der gesamten Glucosemenge, die wir entweder über die Nahrung aufnehmen oder die unsere selbst Leber produziert (Gluconeogenese). Um sich ein so teures Organ leisten zu können, musste im Laufe unserer Evolution Nahrungsenergie schneller verfügbar werden. Mit einem langen Darm und aufwändigen Verdauungsprozessen wie bei einer ostfriesischen Milchhuh, wäre das unmöglich gewesen. In dem Maße wie unser Gehirn größer wurde, ist unser Darm geschrumpft. Dadurch konnten Kohlenhydrate schneller resorbiert werden. Es ist deshalb kein Zufall, dass der Einfachzucker Glukose als erster Makronährstoff vom Dünndarm in die Blutbahn übertritt.

GLOBESITY – Die SCHLEICHENDE Verfettung der „modernen" Welt

99,9% der Menschheitsgeschichte stand Bewegung vor Nahrungsaufnahme. Beobachten lässt sich dieses Ur-Verhalten heute noch bei den wenigen ursprünglich lebenden Naturvölkern wie die iKung in Tansania, die Kiosan in Südafrika und Botswana, die Arche in Paraguay oder die Inuit in Grönland. Die Männer dieser aussterbenden Volksstämme sind tagelang zu Fuss auf Beutezug unterwegs. Ist das Wild erlegt, muss es über viele Stunden ins Lager zurücktransportiert werden. Diese Kombination aus Kraft- und Ausdauerbelastung trainiert unseren Bizeps, Rücken, Oberschenkel und Herz gleichzeitig. Für diese Belastungen wurden wir von der Natur designed und genau so sollten auch moderne Trainingsprogramme aussehen. Der erste Kahlschlag in unserem ursprünglichen Jäger- und Sammler-Dasein ereilte uns mit Beginn der Agrarrevolution vor zirka 10.000 Jahren. Zu dieser Zeit begannen wir im vorderen Asien, Getreide anzubauen und Tiere zu domestizieren, deren Milch wir seither trinken. Getreide und Milch sind für uns vergleichweise neue Nahrungsmittel, denn 10.000 Jahre sind evolutionär gesehen nichts. Als 1876 der deutsche Ingenieur Carl von Linde den modernen Kühlschrank entwickelte, 1840 die Würfelzuckerproduktion erfunden wurde und 1920 die Konservierung von Nahrungsmittel Einzug hielt, änderte sich unser Lifestyle ein weiteres Mal um 180°.

die bewegungstherapie der neuzeit: kaffeefahrten statt ausdauertraining

Seit diesen wegweisende Erfindungen (Weltkriege einmal ausgenommen), leben wir im energetischen Überfluss, wo Millionen von Jahren zuvor Mangel an der Tagesordnung war. Der Preis für dieses Luxusleben ist hoch: Chronische Zivilisationserkrankungen wie Diabetes, Krebs, Autoimmunerkrankungen und Alzheimer nehmen überall auf der Welt exponentiell zu, wo sich die Verfügbarkeit energiereicher Nahrung verbessert. Seitdem wir billige, hochglykämische Nahrungsmittel aus Getreide, Mais, Reis, und Kartoffeln wie Pasta, Pizza oder Pommes herstellen können, nimmt die Körperfülle westlich lebender Menschen überdimensional zu. Der Bauch wächst, die Muskeln schrumpfen. Klamottenhersteller, Autofirmen oder Flugzeugbauer haben sich diesem Trend längst mit neuen Kleidergrößen und größeren Sitzschalen angepasst.

„500.000 E-Bikes wurden 2014 verkauft. Seither sind Senioren mit über 30km/h auf der Überholspur – im Ruhepuls!"

Alles, was uns lästige Muskelarbeit erspart, setzt sich in unserer Gesellschaft erfolgreich durch: Treppenlifte, Fernbedienungen, Bringdienste und zu guter Letzt das E-Bike, das sportliches Radfahren zur gemütlichen Kaffeefahrt mutieren lässt. 2013 wurden bereits 500.000 E-Bikes verkauft. Seither sind Senioren mit über 30km/h auf der Überholspur – im Ruhepuls. Muskeln werden allerorten durch Motoren ersetzt. Wenn dann der Diabetes kommt, müssen die Krankenkassen tief in die Tasche greifen, um die menschliche Faulheit mit Medikamenten zu befriedigen. In den USA vegetieren bereits zwei Millionen Menschen mit über 200 Kilo Körpergewicht vor sich hin. Wenn Du glaubst, Deutschland wäre besser aufgestellt, täuscht Du Dich gewaltig, denn die Nationale Verzehrsstudie von 2012 offenbarte alarmierende Zahlen. Sobald wir ins arbeitfähige Alter kommen, fangen die Fettpolster an zu wachsen. Und damit wächst nicht nur die Leber mit ihrer Aufgabe, dass überschüssige Fett zu verteilen, sondern auch die Gefahr von Herzerkrankungen, Diabetes, Alzheimer und Krebs.

übergewicht muss nicht krankhaft sein – auf die wampe kommt´s an

Lange Zeit galt der Body Mass Index als das Nonplusultra in der Beurteilung von fett oder nicht fett. Das ist Schnee von gestern, denn er trennt nicht zwischen metabolisch gesund und krank. Entscheidend ist nicht die Fettmasse sondern die Fettverteilung, also wie viel Fett in nicht primär als Fettspeicher vorgesehenen Geweben landet. Dazu gehören Muskulatur, Leber, Bauchspeicheldrüse und Niere. Erinnerst Du Dich noch an Dein letztes Fleischstück aus Massentierhaltung auf dem Teller? Wenn es durchsetzt war mit weißlichen Fettfurchen, dann hat das Tier die meiste Zeit regungslos in der Box gestanden und reichlich energiereiches Kraftfutter getankt. Das gleiche passiert beim Menschen auch. Du musst nur den Bürostuhl mit der Couch und die Couch mit dem Bett eintauschen und den ganzen Tag über Süßigkeiten, Müsli, Kartoffeln und Pasta verdrücken, dann sieht´s von innen bei Dir genauso aus. Um das pathologische Übergewicht vom gesunden trennen zu können, müssen der Taillen-Hüfte-Index, Blutdruck, nüchtern Glukosespiegel, das Blutfettprofil und die körperliche Fitness analysiert werden. Neuere Studien belegen, dass das Bauchfett (viszerales Fett) mit der gleichzeitig ablaufenden Verfettung der inneren Organe korreliert. Ob jemand gesund oder krankhaft fett ist, lässt sich nicht immer von aussen erkennen. Auch vermeintlich schlanke Menschen können bei geringer Muskelmasse eine hohe Verfettung innerer Organe aufweisen. Sie werden in der Fachsprache TOFI´s genannt – thin outside, fat inside! 

intermittierendes fasten – die neue forever young-formel

Ein nachweislich erfolgversprechender Lösungsansatz, den wir von paleo r)evolutionär leben bei Übergewicht empfehlen, heißt Intermitted Fasting. Intermitted Fasting ist keine Diät, sondern beschreibt die unregelmäßige, unplanmäßige Kalorienaufnahme. Bedenke: Unsere Steinzeitvorfahren konnten das nächste Dinner auch nicht vorhersagen. Wir mussten seit eh und je metabolisch flexibel sein. Das haben wir verlernt, seit Lebensmittel immer verfügbar sind. Viele Menschen haben zwar ständig Appetit, verspüren aber nie mehr wirklich Hunger. Unsere Gehirn hat zwei verschiedene Zentren dafür entwickelt. Heute wird allerdings nur noch das Appetitzentrum aktiviert, weil wir durch Werbung im TV, Magazinen Smartphone, Laptop etc. ständig zum Essen aufgefordert werden.

„Menschen sind wie Kamele. Sie kommen 1-2 Tage problemlos ohne Wasser aus."

Und wenn man durstig ist, dann soll es ja zu spät sein, wie manche "Ernährungsfachleute" uns weismachen wollen. Aus dem Grund möge man stets eine Flasche Wasser bei sich führen, um so die empfohlene Tagesration von 2,5 l zu decken. Was aber, wenn die nächste Wasserstelle nicht in Sichtweite ist? Wie konnten wir die afrikanischen Savanne nur überleben, ohne ständig an der Flasche zu hängen? Ganz einfach: Menschen sind wie Kamele. Sie kommen 1-2 Tage problemlos ohne Wasser aus. Und deshalb ist eine unserer Maxime von paleo r)evolutionär leben, Hunger und Durst wieder eine Chance zu geben. Bei Hunger oder Durst wird nämlich unser Suchsystem im Gehirn aktiviert, das wiederum unseren Bewegungsapparat auffordert, nach Nahrung und Wasser zu fahnden. Selbst Hochleistungssportler glauben immer noch, Pastaparties, Gelpads, Energieriegel uns ständiges Trinken würden zu mehr Power und Leistungsfähigkeit beitragen – ein Irrtum. Durch den heutigen Überfluss wird unser natürlicher Bewegungsdrang unterdrückt. Auch die Jäger und Sammler im Urwald von Paraguay bevorzugen die Hängematte, wenn genügend Nahrung vorhanden ist. Warum auch? Sport ist eine Erfindung der Neuzeit – für positiv Bekloppte! 

Wie dem auch sei: In unzähligen wissenschaftlichen Studien mit Nagetieren, Affen und übergewichtigen Menschen konnte jedenfalls  bewiesen werden, dass Intermitted Fasting nicht nur Übergewicht reduziert, das Energieniveau steigert und das Risiko westlicher Zivilisationserkrankungen senkt, sondern auch das Leben signifikant verlängert. Warum sollte das bei uns anders sein? Westlich lebende Menschen sind geprägt durch soziale Leitplanken, mit der Natur unvereinbaren Ernährungsrichtlinien, hektischen To-Go-Mahlzeiten und pausenlosen Konsum hochkalorischer Functional Food-Produkte. Unserem Hochleistungsmotor droht unter dieser unendlichen Energieüberladung der totale Kollaps. Die Zahl metabolisch kranker Menschen wächst minütlich. Wir sind deshalb der Meinung, dass es höchste Zeit ist für den nächsten Lifestyle-Change, der uns zu unseren evolutionären Wurzeln zurückführt. Treffen folgende Werte auf Dich zu, dann solltest Du Dir unbedingt professionellen Beistand einholen:

Faktor Männer Frauen
Taillenumfang 94 cm 80
Taille-Hüfte-Verhältnis > 1,0 > 0,85
Taille-Körpergröße-Verhältnis > 0,5  > 0,5
Triglyzeride > 150 mg/dl > 150 mg/dl
HDL-Cholesterin < 40 mg/dl < 40 mg/dl
Blutdruck > 130 mm  / > 85 mm > 130 mm  / > 85 mm
Blutzucker (nüchtern) > 100 mg/dl > 100 mg/dl
HOMA-Index (IR)


Werte >2 = Hinweis auf eine Insulinresistenz (IR)
>2,5 = Insulinresistenz wahrscheinlich
>5,0 = Durchschnittswert bei Typ2-Diabetikern

 
Fettleber-Index (FLI)


FLI ≥ 60 bedeutet:
mit 80 %-iger Wahrscheinlichkeit eine Leberverfettung
FLI ≤ 20 bedeutet:
mit 90 %-iger Wahrscheinlichkeit keine Leberverfettung 

Tabelle: Wichtige Parameter zur Beurteilung von pathologischem Übergewicht.

Unsere zertifizierten Paleo Coachs wurden von uns gezielt auf das metabolische Syndrom und assoziierter Erkrankungen geschult. Paleo Coachs unterstützen Dich professionell bei der Umstellung auf den Paleo Lifestyle und erstellen Dir einen r)evolutionären Ernährungs- und Trainingsplan, der zu Deinen genetischen Wurzeln passt!

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Quellen:

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