paleo Unsere Forschung

Back to the roots: Warum wir der Wohlstandsverwahrlosung die Stirn bieten müssen

Die Steinzeit steckt uns nicht nur in den Knochen, sondern vor allem in den Genen. Deshalb untersuchen wir seit 2011 mit einer internationalen Arbeitsgruppe die Auswirkungen einer steinzeitlichen Lebensweise auf unseren Organismus – ein Leben, ohne Smartphone, Terminkalender, Umsatzziele, Bürostühle, künstliches Licht und verpackter Industriekost.

Je nach Jahreszeit mussten unsere steinzeitlichen Vorfahren mehr oder weniger lange Wanderungen unternehmen, um in lukrative Jagdreviere zu gelangen oder entlegene Wasserquellen aufzuspüren. Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte waren wir auf der Jagd nach Energie- und Wasserquellen, Vitaminen, Spurenelemente und essentiellen Aminosäuren, heute jagen wir stattdessen Euros, Börsenkursen oder der eigenen Selbstverwirklichung hinterher. Die Jahreszeit bestimmte nicht nur unser Nahrungsangebot, sondern auch den Kraftaufwand, den wir investieren mussten, um an das energiereiche Fett, Aminosäuren, Glukose, Vitamin C und Co. zu kommen. Wie auch immer die Nahrung in der Steinzeit in den verschiedenen Erdteilen tatsächlich aussah, die Verfügbarkeit war sicher sicher ein universelles Problem, dass vor Erfindung des Kühlschranks eine tägliche Herausforderung darstellte – ob im Sommer bei Gluthitze oder im Winter bei klirrender Kälte.

Wider unserem genetischen Erbe – oder die Verfettung der modernen Welt

Aufgrund der wechselnden Umweltbedingungen, auf die sich unsere Vorfahren einstellen mussten, gehen wir davon aus, dass sich der menschliche Stoffwechsel genetisch an Nahrungskarenz und Wassermangel angepasst haben muss. Unser Stoffwechsel musste über zwei Millionen Jahre mehr oder wenige lange Karenzphasen überbrücken, sonst wären wir als Spezies Homo sapiens wie der Neanderthaler wohl längst ausgestorben. Für das Überleben entwickelte unser Organismus unterschiedlichste Strategien. Um nur eine zu nennen: Menschliche Zellen besitzen in ihrer Oberfläche einen Fruktosetransporter, der ohne Anwesenheit von Insulin, Fruchtzucker aufnimmt. Ein Großteil dieser Fruktose wird direkt in Fett umgewandelt. Dieser Mechansimus war in den kurzen Phasen des Überflusses ein entscheidender Überlebensvorteil, denn wenn Früchte im Spätsommer reif wurden, verzehrten wir vor Erfindung der Lagerhaltung vermutlich Unmengen davon, um uns den nötigen Winterspeck anzulegen. Nicht nur, dass heute im Dezember Kiwis und Orangen aus fernen Ländern eingeflogen werden, sondern nahezu allen industriell hergestellten Lebensmitteln wird raffinierte Fruktose beigemischt. Dadurch nehmen wir so hohen Mengen Fruktose auf, dass wir den Winterspeck das ganze Jahr über nicht mehr los werden. Die epidemiologsichen Daten aus allen Industrieländern sprechen in dieser Hinsicht Bände: Adipositas ist in den Insustrieländern zum Normalzustand mutiert. In den USA bringen bereits 2 Millionen Menschen mehr als 200 kg Körpergewicht auf die Waage, seitdem in den 70er Jahren riesige Monokulturen auf Maisbasis angelegt wurden, die heute den ultrasüßen und vor allem billig herzustellenden High Fructose Corn Syrup liefern – ein gefundenes Fressen für die Industrie, eine Stoffwechselkatastrophe für den modernen Menschen.

Before they pass away: Was wir von den letzten Urvölkern dringend lernen müssen

Neben unserer psychologischen ist die metabolische Flexibilität wahrscheinlich der entscheidenden Faktor, warum Homo sapiens zum alles dominierenden Lebenwesen auf der Erde wurde. Der moderne Lifestyle beschert uns heute Nahrung, Getränke, Konsum, mediale Reize und Sitzfleisch im Überfluss. Zu jeder Tag- und Nachtzeit können wir an jeder Ecke Kalorien, Flüssigkeiten und Mineralien aufnehmen. Bewegung ist zum Luxusgut verkommen, denn Muskelarbeit erfüllt in unserer ökonomischen geprägten Welt keinen existentiellen Nutzen mehr. Das Ergebnis unser unnatürlichen Lebensweise spiegelt sich in wachsenden Inzidenzen chronischer Entzündungen, Infarkte des Herzkreislaufsystems, Diabetes Typ 2, Krebs, Alzheimer und Autoimmunerkrankungen wieder – viele davon waren vor 100 Jahren größtenteils noch unbekannt. Auch die heute noch in entlegenden Gebieten der Erde lebenden Jäger- und Sammler-Völker kennen diese moderen Killer-Erkrankungen kaum. Erst seitdem die Pizza aus Dänemark nach Grönland einfliegt, erkranken die Inuit an den typisch westlichen Wohlstandskrankeiten.

2.5 Mio Jahre hat sich der Mensch an die Natur angepasst. Seit 100 Jahren passen wir die Natur an uns an. Mit der Erfindung von Kühlschrank, Verbrennungsmotor, Fast Food, Mobilfunk und Internet hat sich unsere ursprüngliche Lebensweise in Rekordzeit so drastisch verändert, dass wir der Überzeugung sind, dass unser steinzeitlich geprägtes Genom nicht nur an seine Grenzen gestossen ist, sondern bereits über der Toleranzgrenze liegt. In unseren Studien wollen wir deshalb mehr darüber erfahren, was in unserem Inneren passiert, wenn wir uns einige Zeit in die vermeintliche Steinzeit zurückversetzen.

Das Eifel-Projekt: Unsere Feldforschungen von den Pyrinäen bis zur Südeifel

2011 haben wir mit Felduntersuchungen in den spanischen Pyrinäen begonnen. Dabei kam heraus, dass sich unser Stoffwechsel binnen weniger Tage scheinbar noch an die Steinzeit erinnert und auf alternative Stoffwechselwege zurückgreift, wenn Nahrung erst gesammelt oder gejagd werden muss oder anders gesagt: wenn wir uns vor der ersten Mahlzeit bewegen müssen, bevor wir neue Kalorien aufnehmen. Dieses Verhaltensmuster steht in diametralem Gegensatz zu den Empfehlungen der führenden Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Die DGE plädiert, dass Frühstück die wichtigsten Mahlzeit sei, damit der moderne, übergewichte Mensch „gestärkt“ in den Tag gehen kann. Nicht nur, dass unser Biorhythmus dagegen spricht, auch unsere Daten zeigen, dass ein durch Überernährung und Bewegungsmangel prädiabetischer Stoffwechsel in nur wenigen Tagen reprogrammierbar ist.

Zwischen 2011 und 2013 nahmen über 50 Teilnehmer an einer 10-tägigen Exkursion in den spanischen Pyrrinäen teil. Das Design wurde an die vermeintlichen Lebensbedingungen der Steinzeit angepasst. Vor und nach dieser Intervention wurden jeweils Blutproben genommen. Die Daten flossen in ein wissenschaftliches Paper ein. Nach dieser Studie stellten wir uns die Frage, ob 10 Tage nötig sind, um die gewünschten Effekte (Cholesterin, Zucker- und Insulinstoffwechsel, Lipidprofil, Entzündungsparameter etc.) zu erzielen. Aus dieser Fragestellung heraus entwickelten wir in Kooperation mit dem Institut für Natursport und Ökologie der Sporthochschule Köln die Eifel-Studie. Im Sommer 2013 beteiligten sich 15 Trainer und Interessierte in einer Pilotgruppe an einer 4-tägigen Steinzeit-Tour durch die Südeifel. Die Ergebnisse waren so vielversprechend, dass wir 2014 die Studie im Naturpark DELUX zwischen Deutschland und Luxemburg auf 30 Teilnehmer ausdehnten. Und auch unsere Folgestudie konnte eindrucksvoll belegen: In nur 4 Tagen passt sich unser Stoffwechsel wieder unserem genetischen Erbe der Steinzeit an – Blutzucker- und Insulinspiegel, Cholesterinwerte etc. sind in Rekordzeit auf gesundem Normalniveau – ohne Medikamente! Beide Studien wurden wissenschaftlich aufbereitet und in internationalen Journals eingereicht.

Die nächste Studie ist für den Sommer 2017 in Planung. Wenn Du Interesse hast dabei zu sein, dann schicke uns einfach eine Mail an: info@paleo-leben.de

Impressionen aus unseren Studien findest Du hier:
www.instagram.com/paleoleben