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Das Märchen von der gesunden Milch

Milch macht müde Männer munter und andere leere Versprechen

von Jens Freese

Milch macht müde Männer munter, lautete ein Werbespruch in den 50er Jahren, der den Konsum von Kuhmilch beim starken Geschlecht ankurbeln sollte. Das ist gelungen, denn heute stellt keiner mehr den vermeintlich gesundheitlichen Nutzen kalzium- und proteinreicher Milchprodukte in Frage. Was noch alles im Sekret einer trächtigen Kuh so herumschwimmt, das eigentlich dem Wachstum des Kalbes und nicht dem eines Säuglings dient, wird allerdings seit Jahrzehnten verschwiegen. Dabei verdichten sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass Milchprodukte für eine Vielzahl westlicher Zivilisationserkrankungen (mit-)verantwortlich zeichnen.

Kuhmilch ist optimal darauf abgestimmt, ein Kalb zu ernähren – nicht einen Säugling, einen pubertierenden Jugendlichen, geschweige denn einen ausgewachsenen Mann oder eine Frau.

Werbepsychologen wissen: man muss ein Werbeversprechen nur oft genug wiederholen, dann glaubt es irgendwann jeder. Für diese Form der Massenkonditionierung war in den letzten Jahrzehnten die Centrale Marketing-Gesellschaft der Deutschen Agrarwirtschaft (CMA) zuständig. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurden Molke und Buttermilch ausschließlich an Schweine verfüttert. Heute sind dank erfolgreicher CMA-Propaganda Kuhmilchprodukte als Grundnahrungsmittel aus keinem Kühlschrank der Nation mehr wegzudenken.

Wie aus medizinischer Salbe ein Lebensmittel für die Masse wurde

Schon der berühmte griechische Arzt Galen von Pergamon (120-190 v. Chr.) hatte Milch und Käse im Verdacht, für die damaligen Krankheiten ursächlich zu sein. Zu Zeiten der Universalgelehrten Benediktinerin Hildegard von Bingen (1098-1179) kannte man nur Ziegenkäse. Butter verwendete man höchstens als medizinische Salbe. 1930 wurde das Milchgesetz erlassen, was den Bauern zur Pasteurisierung zwang. Die kurze Erhitzung auf 100° wurde eigentlich zur Keimtötung eingesetzt, aber als Nebeneffekt entstand eine längere Haltbarkeit der Milch. Das war die Geburtsstunde der Massenproduktion von Milchprodukten. 1963 folgte das Verfahren der Ultrahocherhitzung. 1970 tranken erst 3% der Bundesbürger H-Milch bzw. (ultrahocherhitzte) UHT-Milch, 1977 waren es schon 40% und heute sind es satte 67%. Im Zeitraum von 1960-70 nahm der Konsum von Frischkäse und Quark um 124%, Sauermilchprodukte um 1024% und Käse um 60% zu. Man könnte also gut und gerne von einer epidemischen Verbreitung artfremder Milch sprechen.

Artgerechte Ernährung oder warum die Kuhmilch gut fürs Kalb ist

Kuhmilch ist optimal darauf abgestimmt, ein Kalb zu ernähren – nicht etwa einen Säugling, einen pubertierenden Jugendlichen oder noch schlimmer: einen ausgewachsenen Mann oder eine Frau. Warum sollten Erwachsene täglich geballte Ladungen Wachstumsfaktoren und andere gesundheitsschädliche Substanzen durch Milchprodukte aufnehmen? Damit das Brustgewebe oder die Prostata wächst? Kuhmilch ist nicht gleich Kuhmilch. Die Zusammensetzung passt sich fließend den Bedürfnisse des heranwachsenden Kalbes an. Und hier liegt ein Teil des Problems. Was bei den Molkereien ankommt, ist ein artfremder Mix aus nicht-humanen Aminosäurensequenzen, Wachstumsfaktoren und Antibiotikarückständen, der unser Immunsystem vor große Herausforderungen stellt. Denn Kuhmilch unterscheidet sich grundlegend von menschlicher Muttermilch. Während das Kalb primär Energie für den Aufbau der Körpermasse benötigt, steht beim menschlichen Säugling zunächst einmal die Hirnentwicklung an erster Stelle. Ein Kalb verdoppelt sein Geburtsgewicht binnen 47 Tage, ein Säugling braucht dafür 80 Tage. Entsprechend enthält Kuhmilch hohe Mengen an Eiweiß und Kalzium, Muttermilch hingegen nur wenig. Ob das wohl einen Grund hat?

Laktosetoleranz oder Laktoseintoleranz – das ist hier die Frage

Allen erwachsenen Säugetieren ist eins gemeinsam: nach dem Abstillen nehmen sie ihre artspezifische Muttermilch normalerweise nicht mehr zu sich. Muttermilch hat ihren Dienst erfüllt. Entsprechend legt auch unser Stoffwechsel keinen Wert mehr darauf, Milch zu verdauen und reguliert die Bildung des Enzyms Laktase herunter. Auf diese Weise verlieren die meisten Menschen auf diesem Globus die Fähigkeit, Laktose (Milchzucker) zu spalten. Allerdings hat die Industrie aus diesem natürlichen Prozess eine Krankheit konstruiert: Laktoseintoleranz. Korrekterweise müsste es heißen: In einigen Regionen der Welt leben Menschen, die im Laufe der letzten paar Tausend Jahre eine gewisse Laktosetoleranz entwickelt haben. Das ist ein gravierender Unterschied, denn die menschliche Evolution hat bei diesen Menschen dafür gesorgt, dass sie bis ins hohe Alter Laktose spalten können. Einzige vernünftige Erklärung: Das Trinken von Milch einer anderen Spezies muss irgendwann im Laufe der Jahrtausende einen Überlebensvorteil gehabt haben.

LaktoseintoleranzWie in der Grafik zu erkennen, verträgt nahezu kein Asiate Milch. Deutschland scheint genetisch toleranter gegenüber Milch geworden zu sein. Aber es sei noch einmal betont: Laktose intolerante Menschen sind nicht krank. Eine Laktoseintolerenz ist der natürliche Normalzustand. Wenn Du zu dieser Gruppe gehörst, darfst Du Dich glücklich schätzen, denn dadurch vermeidest Du die Aufnahme von Wachstumsfaktoren und gefährlichen Kuhmilchproteinen, die Dein Immunsystem in höchste Alarmbereitschaft versetzen können. An dieser Stelle sollte man einmal über die Ursachen von Autoimmunerkrankungen nachdenken, die vor allem in Gegenden auf dem Vormarsch sind, wo massenhaft Milchprodukte verzehrt werden. Die Eiweisszusammensetzung jeder Kuh ist so individuell, dass man anhand eines einzigen Tropfens Milch die zugehörige Kuh identifizieren kann. Da es sich bei der Kuhmilch um artfremdes Eiweiss handelt, muss unser Immunsystem darauf reagieren. Verstärkend wirkt, dass die heutige Milchproduktion artfremde Proteine von Hunderten von Kühen vermischt. Darüber hinaus wird Milch homogenisiert. In diesem Prozess werden die enthaltenen tierischen Fettklümpchen so winzig, dass sie die Darmwand passieren und in die Blutbahn gelangen können, wo sie weitere immunologische Abwehrreaktionen provozieren.

Doping fürs Volk – Hochleistungskühe dank Wachstumshormonen

Interessant ist, dass wir trotz aller biologischen und medizinischen Erkenntnisse artfremde Milch als Grundnahrungsmittel verstehen. Über dieses grundsätzliche Mißverständnis hinaus haben wir zu allem Überfluss auch noch dafür gesorgt, die artgerechte Haltung auf Weideflächen, wo Kühe normalerweise Gras und Klee fressen, gegen die Verfütterung von Getreide, Mais und tierische Eiweißen einzutauschen. Zudem tanken Kühe kaum noch Sonnenlicht, weil sie in Ställen eingepfercht vor sich hinvegetieren. Hormone, die dem Kraftfutter beigefügt werden, verlängern die Laktation auf 18-30 Monate. Durch das ständige maschinelle Melken entwickeln viele Kühe chronische Euterentzündungen (Mastitis), die wiederum mit Antibiotika bekämpft werden müssen.

„Um ständig Milch zu geben, muss eine Kuh dauerhaft schwanger sein. Kühe stehen unter permanentem Dauerstress!"

Auf diese Weise gelangt Antibiotika in die menschliche Nahrungskette. Daher rührt wahrscheinlich die zunmehmende Resistenz gegen Antibiotika beim Menschen. Kälber leben heute in einer derart artfremden Umwelt, dass praktisch jede heranwachsende Kuh mit Antibiotika behandelt werden muss. 2010 wurden in der Schweiz 57.000 Kilogramm Antibiotika verabreicht. Schon nach wenigen Jahren versiegt die unnatürlich hohe Milchproduktion der meisten Kühe, die dann reif für die Schlachtung sind. Dabei besitzt eine Kuh eine Lebenserwartung von zirka 20-25 Jahren. Zum Vergleich: 1850 produzierte eine Kuh 1000 Liter Milch, heute sind es 8000 Liter! Denkst Du, dass funktioniert dopingfrei? Wir müssen uns also gar nicht über Doping im Spitzensport aufregen, wenn Doping in der Agrarwirtschaft zur Tagesordnung gehört.

Das Leiden der jungen Kuh: ein Leben für die Schwangerschaft

Um ständig Milch zu geben, muss eine Kuh dauerhaft schwanger sein. Kühe stehen deshalb unter permanentem Dauerstress, wodurch sich die Hormonzusammensetzung stark verändert. Die ständige Übersäuerung durch Laktation und Kraftfutter führt zu einem massiven Kalziumverlust. Kein Naturvolk auf der Welt trinkt frische Milch, höchstens Sauermilch. Selbst die häufig als Milchtrinker zitierten Massai in Ostafrika trinken vorzugsweise Rinderblut mit ein wenig Milch vermischt.

Finnland hat nicht nur das beste Bildungssystem, sondern auch den höchsten Pro Kopf-Milchverbrauch weltweit – leider aber eben auch die höchste Rate an Diabetes Typ 1 und Herzinfarkt. Die Länder mit dem höchsten Milchkonsum zeigen auch die höchste Inzidenz an Brust- und Prostatakrebs. Ist das ein Zufall? Bereits 1937 fand man heraus, dass die Gabe von bovinem Somatotropin (BST), einem Wachstumshormon, das in der Hirnanhangdrüse von Rindern produziert wird, die Milchleistung drastisch steigert. In den 90er Jahren entwickelte die Firma Monsanto dann ein sogenanntes rekombinantes BST (rekombinant steht für gentechnisch verändertes BST, das aus E.coli-Bakterien produziert wird). Dieses Hormon aus der Chemieküche landet als Arzneimittel getarnt im Tierfutter, um wie gesagt die Milchleistung auf Rekordhöhen zu treiben. Fatalerweise steigt durch das gentechnisch veränderte BST der Spiegel des anabolen Wachstumshormons IGF-1 um 25-70% an. IGF-1 ist ein insulinähnliches Hormon, das stark anabol wirkt und deshalb gerne im Leistungssport und Bodybuilding als Dopingmittel eingesetzt werden. Eigentlich entfaltet IGF-1 seine Wirkung vor allem im Wachstum. Ausgewachsene Menschen sollten eigentlich nicht mehr wachsen. Leider stehen das durch IGF-1 induzierte Zellwachstum und die Hemmung des programmierten Zelltods (Apoptose) daher schwer im Verdacht, mit zunehmendem Alter Krebserkrankungen zu provozieren.

Die Osteoporose-Lüge oder warum Milch eine miese Kalziumquelle ist

Bei einer Lebenserwartung von 20-25 Jahren entwickeln Kühe aus Massentierhaltung bereits nach sage und schreibe 4-5 Jahren Osteoporose! Das ist ungefähr so, als würden wir schon mit 20 an Knochenschwund leiden. Schenkt man den Werbeaussagen der Milchwerbung Glauben, müsste es in Japan und Afrika, wo kaum Milch getrunken wird, am meisten Osteoporosekranke geben. Das Gegenteil ist der Fall: Osteoporose ist dort kein Thema. Prof. Colin Campbell, der Initiator der berühmten China-Study von der Cornell University: "Tatsächlich ist es so: Je höher der Verbrauch von Milchprodukten, desto höher ist auch das Osteoporoserisiko – und nicht umgekehrt!"

Die höchste Osteoporoseprävalenz in Europa findet man in Schweden, wo 97% der Bevölkerung Milchzucker vertragen. Wen wundert es daher, dass Schweden mit 99,4 kg auch den höchsten jährlichen Milchkonsum pro Kopf aufweist. Was die Milchwerbung verspricht, das hält sie auch, denn richtigerweise enthält Kuhmilch viel Kalzium, was für ein schnelles Wachstum des Kalbes wichtig ist. Was sie allerdings verschweigt: Erhitzte Kuhmilch wirkt im menschlichen Körper säurebildend, d.h. unser Organismus muss zusätzliches Kalzium aus den Knochen lösen, um das Blut wieder in einen gesunden Säuren-Basen-Bereich zu bringen. Die Kalziumbilanz fällt damit ins bodenlose. Im Gegensatz dazu enthalten z.B. Nüsse oder verschiedene Gemüsesorten reichlich Kalzium, ganz ohne säurebildenden Effekt. Dadurch reicht eine kleinere Menge Kalzium aus pflanzlichen Nahrungsmitteln schon aus, um den Körper optimal mit diesem essentiellen Mineral zu versorgen. Deshalb: Milchprodukte wirken nicht präventiv gegen Osteoporose, sie fördern Knochenschwund!

Jetzt weißt Du, warum wir von paleo r]evolutionär leben Dir vom Konsum von Milchprodukten dringend abraten – Deinen Knochen und Deinem Immunsystem zuliebe!


Quellen:

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