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Besser Spätstücken als frühstücken

von Jens Freese

Noch´n Toast noch´n Ei, noch´n Kaffee noch´n Brei, etwas Marmelade, etwas Konfitüre. Was die Gebrüder Blattschuss schon 1980 wussten: Etwa Dreiviertel aller Deutschen frühstücken. Warum eigentlich? 54% geben an, ihren Hunger stillen zu wollen. 32% wollen sich einen guten Start in den Tag ermöglichen. 23% glauben, Frühstück würde Ihnen die nötige Energie für den Tag geben. 14% brauchen einfach die Geselligkeit am Frühstückstisch und 7% denken, Frühstück sei gesund. Ein deutsches Frühstück dauert im Schnitt 20 Minuten. Und haben Sie gewusst, dass 77% der Deutschen ihre privaten E-Mails am Frühstückstisch checken? 61% lesen Nachrichten, davon interessieren sich 49% für Sport und 70% fürs Wetter – obwohl es im Büro doch egal ist, ob es regnet oder schneit. 15,6% sind übrigens süße Frühstücker, d.h. sie essen vorwiegend Marmelade, Honig, Nuss-Nougat-Cremes, Müsli und Cornflakes. 16,4% sind bewusste und süße Frühstücker, die neben dem eben genannten Süßigkeiten auch ein wenig Obst und Joghurt dazu verspeisen. 11,3 % sind süße Knusper-Frühstücker. Diese Müslifraktion setzt auf Cerialien, Müsliriegel, Obstschnitten und Nuss-Nougat-Cremes. Der Rest frühstückt mehr oder minder herzhaft mit Eiern, Brötchen, Käse und Wurst. Wahrscheinlich lebt ein Großteil der Herzhaften in Bayern. Aber das ist nur eine Hypothese. Übrigens: Immerhin 36% der Deutschen frühstückt gar nicht – wie unsere Jäger- und Sammler Vorfahren in der Zeit vor Beginn der Agrarrevolution. Warum diese Minderheit metabolisch gesehen alles richtig macht, lesen Sie im weiter Verlauf.

Das große Mißverständnis: Frühstück legt die Grundlage für den Tag

Wie erwähnt, essen Dreiviertel aller Bundesbürger morgens hochglykämische, stark verarbeitete Nahrungsmittel. Der Tag braucht eine feste Grundlage, sonst geht einem die Energie aus, so Volkes Meinung. Deshalb fühlen sich Mütter auch wie die Raben, wenn sie ihre Kids ungefrühstückt auf den Schulweg schicken. Der Glykämische Index (GI), in den 80er-Jahren eingeführt, um die Diabetes-Plage zu stoppen, misst die Wirkung eines Lebensmittels in Bezug auf den Anstieg des Blutzuckerspiegel. Je höher der Blutzuckeranstieg, desto höher auch die Insulinantwort, denn die Bauchspeicheldrüse reagiert auf jede Nahrungsenergie mit Insulinproduktion. Dabei dient Traubenzucker (Glukose) als Referenzwert (100). Ermittelt wird der Glykämische Index eines Nahrungsmittels, indem die Blutzuckerreaktion auf die Einnahme von 50 g Kohlenhydraten aus diesem Nahrungsmittel bestimmt wird.

„Die Diabetesplage oder warum 100 g Weißbrot zur gleichen Blutzuckerreaktion wie 700 g Karotten führen."

Ein Beispiel: Möhren haben einen hohen Glykämischen Index von 70. Um allerdings auf 50 g Kohlenhydrate aus Möhren aufzunehmen, müsste man 700 g Möhren essen. Weil der GI die Menge eines Lebensmittels (also 700g Möhren) nicht berücksicht, hat man später die Glykämische Last (GL) eingeführt. Zum Vergleich: Baguette hat den gleichen GI von 70 wie Möhren. Um 50g Kohlenhydrate aus Baguette zu gewinnen, müssen Sie nur 100 g dieser französischen Weißbrotstange verspeisen. 100 g Weißbrot führt demnach zur gleichen Blutzuckerreaktion wie 700 g Möhren. Der Blutzuckereffekt von 100 g Baguette ist wegen des hohen Kohlenhydratanteils trotz des identischen GI´s mehr als sechseinhalb mal so groß wie der von 100 g Möhren. Wie schnell sind 100 g Baguette verputzt? 700 g Möhren sind hingegen eine echte Herausforderung. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer, wenn es um das Problem Übergewicht in den Industrieländern geht.

als obst noch an den bäumen hing und honig nicht von aldi und Lidl kam

Derart hohe Zuckermengen in einer einzigen Mahlzeit hatte die Evolution eigentlich nicht vorgesehen, als sie uns optimal an unsere natürliche Umwelt anpasste – mit zwei Ausnahmen: die kurze Periode im Spätsommer, wenn viele fruchtzuckerhaltige Obstsorten üblicherweise reif sind und die Blütezeit, wenn Bienen Honig produzieren können. Honig war nicht nur viele Tausend Jahre das einzige Süßungsmittel bis zur Erfindung der Zuckerproduktion durch Rüben, sondern auch rar und nur schwer zu finden. Vor Einführung des Ackerbaus vor ungefähr 10.000 Jahren war der Mensch 100% von Garten Eden abhängig. Die kurzfristig hohe Fruchtzuckeraufnahme war kein Problem. Zwar schossen auch bei unseren steinzeitlichen Vorfahren durch Mangos, Bananen und Co. Blutzuckerspiegel, Insulinwerte, Blutfette wie das vermeintlich so schädliche LDL-Cholesterin in die Höhe, aber der große Unterschied zu heute: Diese Phase dauerte exakt so lange, wie Früchte am Baum hingen. Anschließend war wieder Schmalhans Küchenmeister oder die Jäger mussten sich wieder auf die beschwerliche Jagd nach Fett und Proteinen aus tierischen Quellen machen.

„Unsere Gene gehen immer noch davon aus, dass die Natur zuckerreiche Nahrungsmittel nur zu bestimmten Jahreszeiten liefert. Heute essen wir Obst und Honig das ganze Jahr über!"

Der Energieeffizienz-Index ist für die Tierjagd allerdings deutlich schlechter. Unsere Vorfahren mussten hierfür mehr Energie investieren, als für das Pflücken von Obst oder die Suche nach Honig. Obst liegt heute 12 Monate in den Supermarkttheken und die Honiggläser stapeln sich in unzähligen Varianten turmhoch in den Regalen. Das Problem dabei: Unsere Gene gehen immer noch davon aus, dass die Natur nur saisonal reifes Obst und Honig anbietet, was auch stimmt, wenn wir nur regional produzierte Nahrungsmittel essen würden. An diesen natürlichen Zuckermangel hat sich unser Stoffwechsel optimal angepasst, indem unsere Körperzellen in rekordverdächtiger Zeit Fruchtzucker in Fett (Triglyzeride) umwandeln. 60% des gesamten Fruchtzuckers wird sofort in Körperfett umgewandelt. Was früher ein Überlebensvorteil war, nämlich in der Erntezeit so viel wie möglich Fruktose zu horten, um sich einen Rettungsring für den nahrungsarmen Winter anzufressen, wird heute zum metabolischen Bumerang. Denn dummerweise sorgen die prallgefüllte Fettzellen für einen latenten Entzündungsmodus, der für die in der westlichen Welt so typischen Killererkrankungen verantwortlich zeichnet.

von eulen und lerchen: unsere hormone spielen die musik

Deshalb: Lieber Hände weg vom Frühstück, wenn Du morgens keinen Hunger hast. Warum? Die Erklärung ist einfach: Die Evolution hat den Menschen nicht an die Koffeinmenge angepasst, die die meisten morgens brauchen, um vermeintlich wach zu werden, sondern an Sonnenauf- und untergang. Den Unterschied machen zwei Hormone, die eine sogenannten zirkadianen Tagesrhythmus haben: Morgens steigt der Cortisolspiegel in unserem Blut an. Nachmittags fällt er wieder ab. Gleichtzeitig meldet sich mit untergehender Sonne das Schlafhormon Melatonin. Wenn der lieb Gott das Licht ausmacht, werden wir müde – wenn nicht ein gewisser Thomas Alva Edison die Glühbirne erfunden hätte. Mit den neuen Tageslichtlampen können wir der Natur ein weiteres Schnipchen schlagen.

„Es hängt von Deinen Genen ab, ob Du ein Nightshifter, ein Morgenmuffel oder ein Frühaufsteher bist!"

Unser gesamter Organismus folgt diesem zirkadianen Rhythmus. Allerdings gibt es Eulen und Lärchen, d.h. Du kannst ein Nightshifter, ein Morgenmuffel oder ein Frühaufsteher sein. Zu welcher Gattung Du gehörst, hängt von Deinen Genen ab. Aber zurück zum Frühstück: Das Signal zur Nahrungsaufnahme ist Hunger. Viel Menschen verspüren morgens keinen Hunger, essen aber trotzdem, weil man das ja so macht. Eine Fehleinschätzung: Die menschliche Evolution wurde nicht durch die teilweise unsinnigen Ernährungsrichtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung geschrieben, sondern durch die jeweiligen Umweltbedingungen, in denen sich unsere Vorfahren aufgehalten haben. Auch hier schlägt wieder das Problem der Globalisierung zu, denn heute leben Afrikaner in Schottland und Engländer in Queensland. Unsere Hautfarbe hat sich über viele Generationen der Sonne angepasst.

brot und müsli am morgen und der tag ist verdorben

Unter dem Strich: Zuckerreiches Frühstück (z.B. hochglykämisches Müsli mit hochglykämischer Kuhmilch) und der Tagesverlauf unseres Cortisolspiegel passen so gut zusammen wie Hund und Katze. Cortisol hemmt nicht nur Entzündungen, es dockt vor allem an unseren Energiespeichern an, um Glucose und Fettsäuren in die Blutbahn zu lösen. Und das morgens am stärksten. Warum nur? Natürlich, um uns auf die Jagd vorzubereiten. Denn unsere Muskeln brauchen für lange Wanderungen und potentielle Kampf- und Fluchtraktionen nun einmal Energie. Der moderne Mensch hat durch jahrzehntelange Werbekonditionierung gelernt, dass man ohne Frühstück nicht aus dem Haus gehen kann. Spannt man dann noch führende Organisationen und hochdekorierte Wissenschaftler für seine Interessen vor den Karren, ist der Drops für Otto-Normalverbraucher gelutscht. Frühstück ist wichtig – fertig! Merke: Hochglykämische Lebensmittel machen müde, nicht wach. Warum sollte man morgens nach dem Blutzuckerhoch schnell wieder müde werden? Das produziert nur Heißhungerattacken, die zu häufigen Mahlzeiten verleiten. Wenn Du tagsüber müde wirst, hast du ein echtes Stoffwechselproblem. Und dann solltest Du auch Dein Frühstück auf auf den Prüfstand stellen. Spätstücken wäre ein erster Schritt!

Jetzt weißt Du, warum wir von paleo r]evolutionär leben Dir vom Frühstück abraten – Deinem Energielevel bei Tageslicht zuliebe! 


 Quellen:

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